| "Dornen im Auge, Essig im Mund" Zu einer Ausstellung von Franz Vana Freilichtmuseum Ensemble Gerersdorf 12. April 2003 |
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Liebe Gäste, ich freue mich, Sie hier im Freilichtmuseum Gerersdorf begrüßen zu dürfen, und es ist mir eine große Ehre, hier mit diesen meinen Worten eine Ausstellung für einen Freund eröffnen zu dürfen, den ich selbst schon lange dafür bewundere, daß er ein Meister der Worte ist. – Sie können dies anhand der Schrift an der Fassade außen und an den vielen Textbildern im Inneren der Ausstellung vielleicht schon ahnen. Ein Meister der Worte – eigentlich heißt es ja, der Vanafranz (ich benutze so wie die meisten am liebsten die ungarische Anordnung seines Namens, weil sie dieser wahnsinnigen Ansammlung von „A“ wenigstens einen verkürzten Rhythmus gibt), es heißt also, der Vanafranz ist ein Maler, und auch ich habe ihn schon hin und wieder einmal als „Burgenländischen Malerfürsten“ tituliert, das aber eher aus einem polemischen Spaß heraus, schon allein, weil er die Statur und als ganzer auch den Ausdruck eines Fürsten hat, wie aus einem Stück von Tolstoi oder Herzmanovski-Orlando, oder vielleicht auch aus der Asche heraus. Die Asche durchzieht als Begriff seine Arbeit und sein Leben, so wie er überhaupt gerne mit biblischen Begriffen spielt, dieser Aschenfürst. (Ich habe übrigens anläßlich des Essigs im Mund dieser Ausstellung endlich einmal recherchiert, wie denn der berühmte Essigschwamm für den Gekreuzigten eigentlich gemeint war, als Linderung oder als zusätzliche Qual – der Essig war tatsächlich, so wie ich immer gedacht habe, gut gemeint von den Leuten, aus einem archaischen jüdischen Ernteritual heraus, wie mir eine steirische Religionslehrerin versichert hat, und nicht etwa eine schmerzhafte Irritation, wie es Dornen sind, wenn man sie im Auge hat oder als Krone trägt.) Der Vanafranz ist kein Maler, denn dem Maler ist die Malerei heilig in all ihren Subtilitäten und Finessen, ihm jedoch nicht im geringsten. Er benutzt sie als vollkommen banal funktionierendes Vehikel für Absichten, die ganz woanders liegen, so wie die sprachlichen Begriffe, die er ineinander wirft, um völlig neue daraus zu kreuzen, als wäre er ein Pater Mendel der Wortschöpfung. Er setzt uns damit so etwas wie eine Kramlade vor, voll von Schlüsseln, und jeder paßt für die Tür irgendeiner Traumwelt. Wo diese Türen sind, verrät er uns natürlich nicht, da müssen wir schon selber draufkommen, denn eine gewisse Rätselhaftigkeit gehört ja dazu, schon aus der Tradition der Moderne und der Kunst im allgemeinen heraus, egal, ob sie sich uns in Bildern, in Worten oder in anderen Erscheinungsformen präsentiert. Ein Künstler ist er also, der Vanafranz, da haben wir ihn, es besteht kein Zweifel, nicht an der Definition noch am durchaus ansehnlichen Inhalt, er ist es, und er präsentiert uns hier in dieser Ausstellung Arbeiten, die er „Gezeichnete Bilder“ nennt. Ein Zeichner ist er natürlich genausowenig wie ein Maler, aber man kann dem Wesen seiner Textarbeiten auf die Spur kommen, indem man sich vorstellt, in einem dieser Textbilder würde stehen: „Gezeichnete Bilder“. Sofort kriegen die Worte eine ganz andere Tragweite, und man beginnt, zu überlegen: gezeichnet von was, von List und Tücke vielleicht, oder – sind sie überhaupt signiert??, undsoweiter, also auch: Bilder von was, aha, Bilder von Texten, bitteschön, und da haben wir ihn ... Für einen Künstler, der in seiner Arbeit die Kategorien mit solch einer Lust durcheinanderwirft und damit etwas ganz neues erzeugt, gibt es einen Ausdruck, eine grausam deutliche Bezeichnung, ein furchtbares Wort, überhaupt nach den Kunstdiskussionnen des vergangenen 20. Jahrhunderts, und ich weiß, es ist ein großes Risiko, dieses Wort zu verwenden und es auszusprechen, noch dazu in seiner Anwesenheit, und in Anwesenheit seiner Studenten, die vielleicht gedacht haben, ich will sagen, er ist ein Siebdrucker, aber nein, ich muß Ihnen etwas ganz anderes sagen, so schwer das Wort auch wiegt: der Vanafranz ist in Wirklichkeit ein Konzeptkünstler! Ein Konzeptkünstler ist einer, dessen Kunst bei aller möglichen oder vorhandenen Kunstfertigkeit vorwiegend im Konzept liegt. Zum Konzept des Vanafranz scheint es auch zu zählen, die wunderschöne Spiritusfabrik hier hinter dem Hügel, wo er haust, bis obenhin und gänzlich mit seiner Kunst anzufüllen, bis nichts mehr reingeht, als wäre die Produktion umgestellt worden von reinem Spiritus auf echten Kunstgeist, und die Ernte war reich, die letzten Jahre, daher die fette Produktion. Die Spiritusfabrik ist einfach großartig, ein Ort, der auch alle Wirren der Zeiten schon mitgemacht hat, aus steuerlichen Gründen ursprünglich auf ungarischem Boden erbaut, von jüdischen Kaufleuten erworben, arisiert, restituiert usw. – wie im Film. (Diese Filmbranche ist Vana natürlich auch nicht ganz fremd, wie wir vielleicht wissen.) Ich muß da denken an die Alpensaga, obwohl mir Peter Turrini als Sprachkünstler ziemlich suspekt ist, aber das macht nichts in diesem Fall. Immerhin spielt in seinem Stück eine Spiritusfabrik die zentrale Rolle zur endgültigen Domestizierung der letzten bäuerlichen Freiheiten in Österreich (wie schön oder nicht die letztlich auch immer gewesen sein mögen). Der böse Landkapitalist wird dargestellt vom großartigen Helmut Qualtinger in einem seiner letzten großen Auftritte. Ich kann mich noch erinnern an den Qualtinger, als ich nach Wien gekommen bin als unschuldiger Provinzknabe, wie er gesessen ist mit seinem Spritzer und seinem Fernet an einem Ort, der absurderweise immer noch „Wunderbar“ genannt wird, und ich habe mir gedacht – warum ist der dicke Mann nur so traurig? Inzwischen weiß ich es: weil es nicht immer leicht ist, ein Künstler zu sein, eine Haltung zu behaupten, Traumwelten zu postulieren oder Spiritusfabriken mit Kunst vollzuräumen bis sie beim Hochofen oben herauskommt. Es ist nicht leicht, ein ausgefallenes Konzept zu leben, nur weil man aus einem undefinierbaren Grund zu wissen glaubt, daß das gut so ist. Es ist auch nicht leicht, gute Kunst zu machen, was immer man darunter verstehen mag. Der Vanafranz erwähnt immer wieder Dinge wie Dornen, Schuldsümpfe oder sogar den Normvirus als Alperreger. Es gibt aber auch Nerzaugen und Erregte Kongomilch, und ich persönlich finde es bei Null Grad Im Schatten schon ziemlich cool. Je mehr wir uns darauf einlassen, desto mehr kommen wir darauf: er will uns einfach Denken Lassen. Ich denke, das ist gut so |
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