Romantische Geschichten über Arbeit ohne Erfolg

Preview  für Protagonisten und Befürworter poetisierenden Unfugs  


2. Kapitel: Gutes Tuch

Der Protagonist trug die alten Anzüge aus den guten Stoffen, als wären sie Teil jener Eigenmacht, die er immer behauptet und nie bewiesen hatte.
Als könne man die Angemessenheit eines Ausdrucks an einen preiswerten, lieben, alten Vorstadt-Maßschneider delegieren.

So vermeinte er einmal, den richtigen Faden gefunden zu haben, indem er an eine blaßhäutige Schönheit schrieb: "Was Du wirklich kannst: vorbeistreichen wie ein ganz zartes Tuch aus Nicht-November, und doch kein Engel."
In einer Gasse namens Wollzeile war dies vorgefallen.
Dabei hätte sie für ihn doch nicht einmal ein abgebrauchtes Papiertaschentuch zu Boden geworfen, meinte er später dann, nicht in der Essiggasse, der Drachengasse, der Predigergasse und auch nicht auf der Tuchlauben, dort schon gar nicht: eine kleine romantische Anmaßung hielt er gleich für ebenso fadenscheinig wie das Gewebe seiner abebbenden Übermütigkeit in all seinen Inkohärenzen, so dünnhäutig und seidenfadennervig war der Protagonist zu dieser Zeit gerade.
Er war geneigt, seine Enttäuschbarkeit manchmal bis ins Groteske hinein zu übertreiben und hochzustilisieren, als wäre sie eine Art konzeptuelles Kunstwerk für sich allein, welches mit Penetranz ins Bewußtsein der Gesellschaft gehämmert werden müsse, schon allein, um recht zu behalten.

Doch die Wellen am Meer seiner Unzufriedenheit schlugen nicht über, sie waren schaumlos und buckelten bloß. Und man kann gutes Tuch nicht in der Larmoyanz von Salzwasser waschen, niemals, soviel wußte er schon noch.

Daher durfte er auch nicht vergessen haben, daß die sanfte Ablehnung wenige nächtliche Wochen zuvor wirklich alles andere als unzärtlich gewesen war, nach einem überfallsartigen Kuß, im Sprudelrausch. Den Hinweis auf ihre relativ junge Ehe, zu ziemlich jungen Jahren noch dazu, mußte in dieser Form wohl sogar er akzeptieren.
Denn zu Neumond im November hatte er sich zugegebenermaßen für keines dieser Champagnermädchen entscheiden können. Der Reiz ihrer sonderbaren Schönheit hatte ihn nicht weniger überfordert als ihre gemeinsame Berauschung, daher ging er allein zu Bett in jener Nacht, und er schlief dermaßen ergiebig und gleichmäßig, als gelte es, durch die Qualität seines Schlafes einen ganz präzisen Ausdruck für das Stahlgrau eines Himmels zu setzen.
Der folgende und noch viele Tage der kommenden Jahreszeit waren dann auch tatsächlich von erlesener Gräue, und er liebte das über die Maßen, nicht weniger als die alten dunkelgrauen Anzüge aus Vöslauer Kammgarn, genäht von dem alten Schneider in der Kreuzgasse.
Sie übrigens hatte ihm wohl geantwortet, auf sein poetisches Sätzchen aus der Wollzeile hin: doch ein Engel sei sie, bloß als solcher nicht leicht erkennbar.
Was wiederum sehr gegen die Engelhaftigkeit des Protagonisten selbst sprach, ganz massiv. – Vielleicht war ihm dieser angemaßte siebte Sinn einfach verloren gegangen, ganz so wie letzthin sein zerschlissenster, schmutziger, schwarzer Schal: endlich!




[Text 2002/2003, Bild 1996]






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