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"Neues Quartier beziehen" war ein Buchprojekt, das
ich mit besonderer Trauer begraben mußte: es wäre alles
wunderschön geworden, wenn bloß Ko-Autor Mittringer jemals
seinen Text geschrieben hätte. Alle Termine wurden von ihm zu
Fall gebracht, und irgendwann war es dann einfach zu spät. Auch
meine Bemühungen, noch rechtzeitig einen Ersatzautor zu installieren,
scheiterten. Schade um das Buch.
Und über Mittringers Anfälle von destruktiver Idiotie
rätselt die Welt heute noch.
Trotzdem, oder eben auch gerade deshalb, veröffentliche
ich hier die Entstehung und Entwicklung einer publizistischen Idee,
sowie einige fertiggestellte Teile der unvollendeten Arbeit, insbesondere
den Essay von Wolfgang Amann.
In der ersten Idee ging es nur um das Wiener Palais Liechtenstein,
welches zur Zeit - d.h. Jänner 2003 - gerade renoviert und mit
einem Teil der Liechtensteinischen Sammlung alter Kunst bestückt
wird, und nicht
um das ganze neue Museumsquartier:
Buchprojekt :"Orte
von Bedeutung - Das verwunschene Palais" (Arbeitstitel) Wien am
Beginn der zweitausender Jahre - nach langen Schwierigkeiten und
mühevollen Entscheidungsprozessen harrt ein "Museumsqartier"
seiner Fertigstellung. Orte der Kunst beginnen zu wandern, Bereiche
werden freigegeben und neue besetzt. Das Palais Liechtenstein im
neunten Wiener Bezirk, seit den fünfziger Jahren als Museum Moderner
Kunst genützt, prägte mit seiner Atmosphäre die Nachkriegsgenerationen
Österreichs kunstinteressierter Bevölkerung. Bis heute geht
die Bewertung dieser Räume als Ausstellungsort von "völlig
ungeeignet" bis "eigentlich großartig". Das Haus behielt seinen
Charme von Provisorium und Willkür auch bis zum Ende seiner Nutzung
als Kunstmuseum, der Umzug in die neuen Hallen in den ehemaligen kaiserlichen
Hofstallungen steht nun knapp bevor. Nicht nur topographisch ein Niveausprung
- die Faszination der Wanderung von Bedeutungsträgern veranlaßt
den Photographen Herbert Fidler und den Kunstkritiker Markus Mittringer
zu einer Recherche, deren Bogen sich vom sentimentalen Abschied einer
Epoche bis zur Analyse bestimmender Strukturen spannt. Kunst, also Objekte
von Bedeutung, in diesem Anspruch und dieser Menge, verkörpert Gravität,
und die Bewegung solcher Potentiale verursacht Spannung, anhand derer Mechanismen
eines zeitgenössischen Kunst- und Museumsbetriebs einer Beobachtung
und Bewertung zugänglich werden. Ein Schluß auf die Spannungsfelder,
denen diese Prozesse und die Kunst selbst unterworfen sind, aus der
Dynamik ihrer Herkunft, Entstehung und Geschichte heraus, liegt nahe:
die Interessen an diesem kleinen, vermeintlich elitären und freien
Bereich geistig-gestalterischen Schaffens gehen weit über jene
eines Kunstmarktes hinaus ins politische und gesellschaftliche. Auch
daraus läßt sich die Bedeutung eines Museums abschätzen
- hier siebt sich das geistige und gestalterische Potential einer Gesellschaft
durch die Pragmatik der Macht, die sie zusammenhält. Eine Recherche
über den Museumsbetrieb und die Gestaltungsfaktoren der modernen
Kunst als solche versteht sich ebenso als Teil des Projekts wie ein Resumee
der Ausstellungstätigkeit des MMK, auch unter Betrachtung ihrer
Proponenten, der Künstler, sowie des Ortes des Geschehens- was
geht vor mit einem Palais, wenn es von der Kunst besetzt wurde? Das
Ziel der Autoren ist ein Buch in der Tradition der "Sichtbaren Spuren"
aus dem Jahr 1994: Kunstbetrachtung aus ungewohnten Blickwinkeln, eine
spürbare Liebe zum Thema zieht sich bis zum hohen Augenmerk auf
die Gesamtgestaltung. Ob als Beitrag zur aktuellen Kunstdiskussion oder
einfach nur als schönes Buch gesehen - die "Bibliophile Edition"
wird um einen Titel ergänzt, der vielen Freunden von Kunst und Kultur
Freude bereiten wird.
Was dann endgültig aus dem Projekt wurde, eine Betrachtung
der sich verändernden Struktur der Kunstorte in Wien, fand beim
Verlag und der MQ-Betreibergesellschaft Zustimmung:
Neues Quartier beziehen -
Das Wiener Museumsquartier-
Räume, Situationen
und Potentiale einer österreichischen Kunstszene des 21.Jahrhunderts
Fünf komma drei Hektar
sind schon ein ziemlich großer Acker.
Dabei sind das nur die
der Kunst und kunstnahen Zwecken gewidmeten Innenraumflächen
des neuen Wiener Museumsquartiers, das nun bald von seinen kommenden
Nutzern bezogen wird.
Und es steht zu wetten,
auch in Höfen, Gärten, Vorplätzen und Verkehrsadern
wird ständig einiges zu sehen und zu erleben sein an Äußerungen
unseres ausufernden, das heißt Gattungen und Grenzen überschreitenden
zeitgenössischen Kunst- und Kulturbetriebes, dem hier zentral
zu logieren erlaubt sein wird.
Eine Behausung, die auch
Unabhängigkeit und Sicherheit gewährleistet für die
kritischen Stimmen in aktuellen Fragen, die modernen kulturellen Dienstleister,
die Genuß- und Erlebniskultur, die Information und die Dokumentation,
die Ornithologie, die Reflexion, die Diskussion, die offenen Räume,
die Cafés und die Beisln, die Institute, die Höhlenforscher,
die Kinder, Tänzer, die Privatstiftungen und ihre Büros und
vollständigen Sammlungen, die neuen, attraktiven Anziehungspunkte,
die Möglichkeiten, die Kultur- und Jugendschnittstellen, Naturschutzbund,
Betriebsgesellschaft und Festwochen, und den Galerienverband und die
Freunde des Kunsthistorischen Museums -
die Pluraltät dessen,
was hier gedeihen wird, macht leicht schwindlig.
Gerade dieses Potential
des Schwindels motiviert das Autorenteam Fidler & Mittringer
zu einer Betrachtung der hehren, leeren Hallen und ihrer Möglichkeiten
und wie sie sich füllen mit Ansprüchen und Absichten - dies
nicht nur als Reflexion des augenscheinlichen Beginns einer Kulturepoche
und des Starts einer Kulturstadt aus großteils neu geschaffenen
Positionen heraus -
es gilt auch, abgehoben
von eifrig abgesteckten Revieren und ihren Grenzen kurz nachzudenken
über den Transport von Ideen und Inhalten an sich, der mittels
unserer kulturellen Institutionen passiert.
Dies nicht zuletzt als
Würdigung des MuQua als "Cluster" der Unbedanktheit wie Undankbarkeit
gleichviel, als Einstandsgeschenk für eine "Kubatur der Möglichkeiten.
Die "Bibliophile Edition" nahm das Buch in ihr Progamm
auf, und auch die MQ Errichtungs- und Betriebsgesellschaft zeigte sich
bereit, die Arbeiten großzügig zu fördern.
Bereits der Termin im Juli 2001 wurde aufgrund des fehlenden
Haupttextes nicht eingehalten, doch man konnte
noch flexibel sein und verlegte den endgültigen Erscheinungstermin
auf den 10. September 2001(!!).
[Danach war bekanntlich alles anders...]
Inzwischen hatte ich bereits mit Satz und Ausführungsgrafik
nach dem Graphikdesign-Entwurf von Ralf Herms
/ büroX begonnen, und zwar für jene Teile, für die bereits
fertige Texte zur Verfügung standen.
Einblick in die Resultate geben die untenstehenden pdfs.
Der Rest ist nie passiert.
Aus meinem letzten Brief an Sponsor und Herausgeber:
...nichts und niemand konnte und kann diesen Wahnsinnigen dazu
bewegen, sich
einfach ein paar Tage hinzusetzen
und einen Text zu schreiben, den wir in seinen Grundzügen ohnehin schon festgelegt
haben. Zum Verzweifeln.
Wenn Du es versuchst, wirst
Du zwar die abenteuerlichsten Strategien zum
Aufschieben und Zeitgewinnen
erleben, eines aber ganz sicher nicht: daß die Arbeit jemals fertig
wird. ..
... was ich hingegen mit
Schrecken auf uns zukommen fürchte, ist ein weiteres Kapitel der
Auseinandersetzung mit einem schreibunfähigen Textautor vonn nahezu
mythologischer Resistenz und Zähigkeit im Verhindern und Sabotieren,
den ich noch dazu selbst ausgesucht und viel zu eng in das Projekt
eingebunden habe.
Ein ungutes Ende, und auch der Verlust eines Freundes.
Wie auch immer, Sie können zumindest sehen, wie es geworden
wäre – einige Kapitel sind ja fertig geworden.
Wie schon erwähnt: Der Essay "Im Off des Kaiserforums"
von Wolfgang Amann, dem hier nochmals für seine Geduld
und Solidarität gedankt sei.
Zwei Kapitel habe ich auch selbst geschrieben: Die "Topographie der Kunstorte",
welche ich später als 7. Kapitel in die
"Romantischen Geschichten über Sex ohne
Liebe" integrieren konnte, und die (vielleicht etwas zu pamphletisch
und rotzig gehaltene) Betrachtung "Im Zentrum", die sich auf das Architekturzentrum Wien
und die Architekturdiskussion im allgemeinen bezieht.
Portraits, die bei Gesprächen und
Interviews mit Leitern der im MQ ansäßigen Institutionen enstanden
sind, finden Sie hier.
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