Manchmal kann es echt fatal sein, über die Arbeit anderer zu schreiben,
so gerne und immer lieber ich es auch tue.
Namentlich dann, wenn ich später merke, daß die Person
selbst, um die es ja gar nicht so primär gehen sollte, für mich
gerade weit attraktiver war, als die Arbeit
über die zu referieren gewesen wäre.
Trotzdem lasse ich nicht gerne was verkommen, schon gar
nicht, wenn es um Formulierungen geht.
In seinem grundüberzeugten Sophismus wäre das Textchen fast
geeignet gewesen als Plot für eine Romantische
Geschichte über Arbeit ohne Erfolg, doch ist es thematisch
zu direkt und von seinem Objekt unmöglich lösbar.
Daher danke ich der Kollegin Lisi Gradnitzer auf jeden Fall für die
Anregung zum Kapitel "Kreuzweh", das sich bereits in den Romantischen
Geschichten findet, und stelle hier ihre Laudatio als solche vor.
(Wie auch immer: man denke, was man will...)
Die erste Narbe
Über Lisi Gradnitzers Nabel-Schau
Es fühlt sich schon immer wieder komisch an, so eine serielle Aneinanderreihung
von Körperdetails anzusehen. Und dann noch dazu Nabel, diese Orte
vermeintlicher Stille und In-Sich-Gekehrtheit – das sind sie gar nicht
zu Unrecht, denkt man sich bei manchen Exemplaren zuerst, ob ihrer peinlichen
Verwuzelung und Vehutzeltheit, die man vielleicht lieber gar nicht so genau
gesehen hätte, so indiskret riesengroß und übernah, wenn
auch abstrahiert in sehr edles Schwarzweiß.
Die Frage steht im Raum: Wie nahe müßte man eigentlich jemandem
kommen, um den Nabel in solcher Deutlichkeit wahrzunehmen, wie die Künstlerin
es mit diesen Bildern für uns tut, und aus welchem Grund eigentlich?
Die Photographie hat ja von vornherein das Problem, daß Akte der
Körperlichkeit nur in den seltensten Fällen so gut aussehen,
wie sie sich hoffentlich anfühlen für alle Beteiligten – womit
der entscheidende, Photos gegenüber anderen Darstellungsformen wie
Malerei oder Zeichnung abgrenzende Punkt schon genannt ist: es ist jene
vermeintliche Nähe zur Realität, also die (inzwischen schon längst
überholte, aber suggestiv unverändert vorhandene) Notwendigkeit,
Situationen tatsächlich finden oder stellen zu müssen, um sie
photographieren zu können.
Da es jedenfalls ein absolutes Lieblingsvergnügen des Menschen zu
sein scheint, sich Menschen anzusehen, also Menschenkörper, ist die
Zahl der Darstellungsvarianten ebenso endlos wie die Unersättlichkeit
danach, gerade wenn noch der Reiz einer massenhaften Photorealistik dazukommt,
von den Museen voll mit hochklassiger Malerei zum Thema gar nicht zu reden.
Tatsächlich erfreuen sich diese Nabelbilder im Internet auch eines
gewissen Zuspruchs durch Links von Hardcore-Portalen, wobei deren Konsumenten
hier wohl hauptsächlich die Vervollständigung ihrer Fleischkataloge
interessieren dürfte, denn pornographisch ist hier garnichts, ganz
im Gegenteil, der eng gewählte Ausschnitt sollte als Appell an die
Phantasie den dahinterstehenden Personen gegenüber aufgefaßt
werden, nicht als fetischistische Idee.
Bedauernswert also, wenn einer nur so und nicht anders kann: er sieht
weniger, überhaupt nichts eigentlich außer die eigene Befindlichkeit,
weil nicht einmal aus sich heraus.
Das Berührende dieser Nabelbilder ist ja, daß sie Portraits
sind, oder zumindest mit der Raffinesse und Absicht eines Portraitisten
photographiert, denn dieser Körperzone fehlt bekanntlich jede Möglichkeit
zur Modulation durch Mimik oder ähnliches, der Ausdruck bleibt unwillkürlich
– seinen Nabel hat jeder als Gegebenheit hinzunehmen, als die (in den meisten
Fällen) erste Narbe, die einem das Leben in seiner Notwendigkeit so
zufügt.
Daher ist ein Romantiker, der die Galerie betritt, für diese Arbeit
als Betrachter wesentlich geeigneter als der kausal-mechanisch fixierte
Internetlüstling, denn einzig er könnte imstande sein, hinter
Gradnitzers Nabelbildern vielleicht auch eine junge Frau zu sehen, die in
aller Ruhe nachdenkt über Körperlichkeit und was sich denn alles
damit so machen ließe, eventuell, in aller erwachsenen Unschuld, und
welche Mengen und Möglichkeiten an Liebe es denn eigentlich geben mag,
da draußen, bei den anderen, oder auch zurück bei sich selbst,
wenn es paßt also natürlich nur, aber dann möglicherweise
ganz direkt und sehr physisch, und genau so heftig, wie auch immer es sein
kann und will, Liebe zu machen, in Konsequenz oder Selbstzweck, gleichviel,
wenn nur bloß alles gut geht mit der romantischen Absicht, und niemand
sich wehtut in dieser ewig gleichen, stereotypen, himmlischen Raserei, vor
lauter Gier nach der Transzendenz endloser Lust.
Die im Glück solcher Zufälligkeit entstehende Begeisterung
würde dann zweifellos auch vor ihrem eigenen Nabel nicht haltmachen,
sondern ganz im Gegenteil den engen Bildausschnitt umgehend sprengen und
keinen Quadratzentimeter ihrer ganzen duftenden Haut unberührt lassen,
in einer großen, alles andere weit in die sichere Nebensächlichkeit
hineinrückenden Gewißheit:
etwas schöneres gibt es nicht.
Herbert Fidler, August 2002
>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>
zurück