Fletschenbacher
oder: Die Kunst, gut zu leben.
Großstadtroman in fortgesetzten
Episoden
1. Die Omi Fletschenbacher
Wen ich eigentlich kannte, war die Omi Fletschenbacher, nicht er
selbst.
Ihr Sproß geistiger und, soweit das überhaupt eine Rolle
spielt, auch physischer oder besser, faktischer Natur, der Fletschenbacher,
gewinnt erst Gestalt, als die Sitten und Gewohnheiten seiner Ahnin schon
längst ganz selbstverständlicher Teil seiner Lebensumgebung
geworden sind.
Die Gebräuche der Omi Fletschenbacher sind aber auch äußerst
angetan dazu, sich tief einzubetten in die Betriebssysteme der Alltäglichkeit.
So als wären sie die liebenswerte Wiederaufnahme einer Lebensweise,
die sich über die Tücken des Daseins breitet wie die herrliche
gemütliche warme Tuchent über einen Schläfer, der gerade
zu Gast ist in ihrem ruhigen, altmodischen Häuschen, dort, wo es überall
noch ein letztes bißchen riecht nach den Hausrezepten der Gründerzeit,
wo Matten aus Neusiedlerseeschilf den von ungeheizten Wintern immer leicht
durchfeuchtelten Kalkputz tragen und wo man nie sagen kann, ob das hölzerne
Gästebett oder der Metalleinsatz lauter knarrt als der Gast gerade
schnarcht. Die Gemütlichkeit besuchsweiser Überernährung
durch feinste österreichische Hausmannskost und, in der Folge, immer
zu kurzer Betten im biedermeierlichen oder altdeutschen Stil, reichlich
mit Tuchenten und Pölstern bestückt, kann im Zusammenhang mit hausgemachtem
Nußschnaps, genossen namentlich nach Ribiselkuchen aus gelber Masse,
sogar bei ausgewachsenen Mannsbildern schlagartig zu lebensgefährlichen
Beklemmungszuständen führen. Die Omi schmunzelt, wenn sie auf dem
rötlichen Kokosläufer vor der Tür gerade eben etwas wegputzen
muß und dabei wie zufällig ihren Schützling röcheln
und ringen hört.
Schlaft gut, der Bub, träumen tut er.
Die Omi Fletschenbacher hat schon ganze Epochen überwunden
im endlosen Naturkreislauf der Haushaltsführung, überhaupt der
Wäschepflege. Gehäkeltes ist ja aus der Mode gekommen, aber
sonst hat man schon ganz schön zu tun mit den Sachen. Und das Bügeln
erst. Die Motten.
Wir greifen hier unserem Psychogramm kurz vor und stellen die Spekulation
auf, daß die generationenlang herrschende Plage mit der Wäsche
im Kollektiv aller Omis der Welt jemals etwas zu tun haben muß
mit jenem maßlos umständlichen Textilkreislauf, in den Fletschenbacher
selbst später, auch noch als eleganter Lebemann der Jahrtausendwende
und danach, verstrickt (sic!) sein sollte. Eines jener Kubinschen Monster
in Omis Gästezimmer, deren Bedrückung der Heranwachsende des
öfteren nur mit knapper Not lebendig entkommen sein konnte, muß
in Teilen seiner gräßlichen Gestalt auch eine Waschmaschine und
andere Instrumente der Kleidungspflege symbolisiert und so in unserem Helden
eine hübsche Menge von Komplexen und Psychosen installiert haben.
In deren Banne sollte er später dann das Äußere
eines gebildeten und wissenden Bonvivants kultivieren, einen von jener
Sorte, die für die Annehmlichkeiten des Lebens immer durch rein überlegenes
Savoir-Faire deutlich mehr Zeit hat als der schnöde Bevölkerungsdurchschnitt.
So etwas rächt sich natürlich, und zwar in Form von ständig
nahezu mythologisch grausam zeitbedürftiger Wäsche, und noch
dazu als Obsession quer über die ganze kleine Großstadt verteilter,
quasi ritueller Tätigkeiten. Doch davon später mehr.
Denn vorerst müsen wir noch auf eine Eigenschaft
der Ahnin des Fletschenbachers einzugehen, deren Konsequenzen hier am
Beginn des Handlungsstranges kaum abzusehen sein können: eine von leichter
Panik getragene, abgrundtiefe Verachtung gegenüber Stauungen im städtischen
Straßenverkehr, auch den leichten, täglichen, und daher auch
für das Zurücklegegen gewisser Entfernungen in demselbigen zu
vermeintlicher Unzeit, oder auch jedwegliche Ahnung einer Verpflichtung
dazu. Nach der zwingenden Maxime unbedingter Stauvermeidung mußten
auch Waschsalon, Putzerei und Hemdendienst organisiert werden, was gar nicht
immer einfach war, da die Fortbewegung zwischen diesen Tempeln des Wäschekultes
regelmäßig mit Hilfe einer eleganten, großvolumigen Limousine
erledigt wurde und auch im Einklang mit den Lebensrhytmen der Gefährtin,
eigentliche Halterin des Kraftfahrzeuges, und des Hundes zu geschehen hatte.
Letztere beiden, obwohl unbestreitbar Fixpunkte im Leben unseres Helden,
pflegten erstaunlich wenig Kontakt mit der Omi. Namentlich der Hund wurde
von ihr nahezu ignoriert, abgesehen von fallweisen Gesprächen über
den Zustand der Welt, oder das oft wiederkehrende, aber selten gehaltene
Versprechen, bald nach Hause zu gehen.
Diese
Skizze bloß eines der Spannungsfelder im Aktionsradius unseres
eleganten Protagonisten macht eines klar: der Mann hat viel zu tun, und
er hat keine Zeit, sollte auch manch einer seiner Kumpanen es notorisch
verweigern, das zu verstehen. Da Fletschenbacher mit seiner Omi sehr respektvollen
Umgang pflegt und ihr jederzeitiges Auftreten und Mitwirken in welcher
seiner Lebenssituationen auch immer gestattet, kommt es eben in Ausübung
seiner Kommunikation oder auch seines Brotberufes des öfteren zu
schwierigen Überschneidungen, die aber regelmäßig klar
zugunsten der Omi entschieden werden.
So kann es sein, daß kurzfristige Treffpunkte im Umkreis
weniger Gassen, sogar wenn sie zu Fuß und problemlos erreichbar
sind, fallweise abrupt abgelehnt werden müssen, meist mit der verblüffenden
Begründung, es sei zu weit, oder mit einem Hinweis auf die Wäsche.
Diese Aspekte einer Motivationsstruktur sollen hier aber nicht
den Blick auf die wesentlichen Qualitäten eines Charakters verstellen,
denn Fletschenbacher zeigt sich ansonsten als besonders geselliger und
angenehmer Mensch und ist als solcher mitunter sogar zu verschiedensten
lausbubenstreichartigen Untaten bereit.
Es ist auch nicht bekannt, daß es im Umgang mit seiner wie
aus dem Nichts auftretenden und ebenso unmerkbar wieder verschwindenden
Omi jemals zu Schwierigkeiten irgendwelcher Art gekommen wäre.
Wien, 2001
Fortsetzung folgt.
Der Autor ist zur Zeit mit anderen Bäckerstraßenromanen
beschäftigt.